Udo Kelter
Aktuelle Debatten zur Wissenschaftsfreiheit
(Stand: 11.10.2024, 15:00)
- Intro
- Debattenteilnehmer / Debattenraum
- Interpretationen der Wissenschaftsfreiheit / Perspektiven
- "Monographien" zur Wissenschaftsfreiheit
Intro
- meine persönliche Sicht auf die letzten 6 - 8 Monate
- Quellen: 1. X / Twitter 2. Presse 3. Radio 4. wenige Fachpublikationen
- reale Wissenschaftsfreiheit vs. Meinungen über den Zustand der Wissenschaftsfreiheit (in D)
Debattenteilnehmer / Debattenraum
- Schieflage I: Einseitigkeit der Teilnehmer / vertretenen Fächer:
überwiegend: Politologie, Literturwiss., Gender Studies, ... (generell Fächer mit geringer Trennung zwischen Wissenschaftssystem und öffentlichem Debattenraum, anfällig für Wissenschaftsaktivismus)
viel weniger: MINT, weil thematisch entfernt, fehlendes Grundlagenwissen, weniger Interesse / Muße
- Folge: unzulässige Verallgemeinerung der Strukturen, die vor allem in den aktivistischen Wissenschaften vorliegen (namentlich schwache Wahrheitsbegriffe) auf alle Wissenschaften
wichtigstes Beispiel: Notwendigkeit von Kommunikation mit anderen Forschern (als Betroffene / Voreingenommene), um zu "korrekten" Aussagen zu kommen
- Schieflage II: Wissenschaftskommunikatoren - sind keine Wissenschaftler, haben aber viel mehr Zeit und Ressourcen, über Wissenschaftsfreiheit zu reden.
Musterbeispiel: Scicomm-Support
Fehlschluß: Wissenschaft = Wissenschaftskommunikation
- divergierende Standpunkte: Juristen vs. Wissenschaftler als Betroffene, die sich behindert fühlen
- Inland vs. Ausland
Interpretationen der Wissenschaftsfreiheit / Perspektiven
1. Klassisches negatives individuelles Freiheitsrecht
als Abwesenheit von Behinderungen in Forschung und Lehre, die gegen eine wiss. Tätigkeit gerichtet ist: nur unter ferner liefen (außer NWF)
angegriffene Forschungsthemen:
Ausweitung der Grundrechtsträger und des Wissenschaftsbegriffs
- Wissenschaftskommunikatoren
- Wissenschaftsaktivismus
2. Funktionsgrundrecht / Leistungsrecht
fundamental andere Struktur als individuelles Abwehrrecht, vieles unklar: wer ist Rechteinhaber, wer ist Leistungserbringer, Ressourcenkonkurrenz, ...
Bildungsauftrag, angefangen bei der Grundschule, ist etwas anderes als Wissenschaftsfreiheit
häufig thematisiert (oft implizit):
- unterschwellig bei der Fördergeld-Affäre (kein Bezug zu einer wiss. Tätigkeit, Kriterien der Mittelzuteilung)
- Forschungsfinanzierung, Grundausstattung (Markschies, Schimank, BBAW)
- Positionspapier der FDP-BW
3. Sinnfrage: Unterordnung der Wahrheitssuche unter ideologische Ziele ("säkulare Koranschule")
-
"Erziehungsauftrag" der Unis - steht nicht direkt im Widerspruch zur Wissenschaftsfreiheit
-
Moralisierung / Politisierung (u.a. Lotter, FuL 04.10.2024)
- "Untergang der Demokratie"
"Monographien" zur Wissenschaftsfreiheit
- Ingo Elbe: Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der »progressive« Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung. Tiamat, Critica Diabolis 328, ISBN 978-3-89320-314-7, 25.03.2024.
Ingo Elbe: Bibliographie zur Kritik postkolonialer und antirassistischer Thematisierungen von Antisemitismus, Holocaust, Holocaust-Erinnerung und Israel. researchgate.net, 02.2022.
- Free to Think. Report of the Scholars at Risk Academic Freedom Monitoring Project. Scholars at Risk, 30.08.2024.
- Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zur Wissenschaftsfreiheit / Cancel-Culture:
Gregor Fabian, Mirjam Fischer, Julian Hamann, Anna Hofmann, Matthias Koch, Uwe Schimank, Christiane Thompson, Richard Traunmüller, Paula-Irene Villa: Akademische Redefreiheit. Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen. ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, 04.10.2024.
Studie bestätigt Freiheit an deutschen Hochschulen. Forschung und Lehre, 10.10.2024.
- Ermöglicht durch ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, begleitet durch die journalistische Expertise von Redakteuren der Wochenzeitung DIE ZEIT (daher auch Gender-:)
- Studienleitung: Gregor Fabian (DZHW)
- Konzeption: Gregor Fabian (DZHW), Mirjam Fischer (HU Berlin), Julian Hamann (HU Berlin), Uwe Schimank (U. Bremen), Christiane Thompson (U. Frankfurt/Main), Richard Traunmüller (U. Mannheim), Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU München)
- rund 9.000 Professoren, Postdocs und Doktoranden an deutschen Hochschulen befragt
- eher schlecht 19%, sehr schlecht 3%
- Unterschiede zwischen den Fächergruppen sind überraschend gering.
- 1,7% haben in den vergangenen zwei Jahren eine Lehrveranstaltung aus Angst vor Druck oder negativen Folgen abgesagt oder abgebrochen.
- 6% haben moralische Abwertungen oder berufliche Probleme erlebt
- 14% haben Thema vermieden, weil sie negative Konsequenzen fürchteten
- 1 - 3% hart verbal angegriffen (unterschiedliche Medien) [Bestrafe einen, erziehe 100]
Erstaunliche Diskrepanz zu einer anderen jüngeren Studie des DZHW:
Ebenfalls nicht ganz konsistent mit dem extrem positiven Urteil für D. im "Academic Freedom Index" (AFI)